Psychologie der Angst: Wie Callcenter-Betrüger die Vernunft systematisch ausschalten

Video-Infos Download Erstmals lassen sich die als Callcenterbetrug zusammengefassten Delikte der Phänomenbereiche "Enkeltrick", "Schockanruf" und "Falsche Polizeibeamte" in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)2025 systematisch abbilden. Dernach verzeichnete die Polizei in Niedersachsen 1.658 Fälle, von denen 355 vollendete Taten waren und eine Schadenssumme von insgesamt 8,451 Mio. Euro verursachten. Hinzu kommen 6.178 Fälle mit Tatort im Ausland oder unbekanntem Tatort, bei denen die Geschädigten in Niedersachsen leben. In 131 dieser Fälle entstand ein weiterer Schaden von rund 2,5 Mio. Euro. Diese Taten sind das Ergebnis eines gezielt eingesetzten psychologischen Druckmittels - beispielsweise des Schockmoments aufgrund von Notsituationen in Zusammenhang mit enger familiärer Bindung. Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen erklärt, warum es geeignet ist, Menschen zu manipulieren. Realer Mitschnitt eines sogenannten Schockanrufs aus dem Jahr 2024. Weitere Informationen unter: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/105578/6270191 Erstmals lassen sich die als Callcenterbetrug zusammengefassten Delikte der Phänomenbereiche "Enkeltrick", "Schockanruf" und "Falsche Polizeibeamte" in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)2025 systematisch abbilden. Dernach verzeichnete die Polizei in Niedersachsen 1.658 Fälle, von denen 355 vollendete Taten waren und eine Schadenssumme von insgesamt 8,451 Mio. Euro verursachten. Hinzu kommen 6.178 Fälle mit Tatort im Ausland oder unbekanntem Tatort, bei denen die Geschädigten in Niedersachsen leben. In 131 dieser Fälle entstand ein weiterer Schaden von rund 2,5 Mio. Euro. Diese Taten sind das Ergebnis eines gezielt eingesetzten psychologischen Druckmittels - beispielsweise des Schockmoments aufgrund von Notsituationen in Zusammenhang mit enger familiärer Bindung. Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen erklärt, warum es geeignet ist, Menschen zu manipulieren. Beim Betrug am Telefon inszenieren Täter ein nahezu perfektes Drehbuch. Innerhalb weniger Sekunden wird eine emotionale Ausnahmesituation erzeugt - drohende Gefahr durch Kriminelle, Unfall, Tod, Schuld, drohende Haft, aber auch hohe zu begleichende Rechnungen oder defekte Autos und Handys des eigenen Kindes oder Enkels. Die Szenarien sind vielfältig, funktionieren aber immer gleich. Ein realer Mitschnitt eines sogenannten Schockanrufs aus dem Jahr 2024 zeigt exemplarisch, wie professionell eine Dramaturgie aufgebaut ist: Eine weinende weibliche Stimme eröffnet das Gespräch, unmittelbar darauf übernimmt ein vermeintlicher Polizeibeamter und schildert einen tödlichen Verkehrsunfall. Die Tochter habe eine rote Ampel missachtet, eine junge Mutter sei verstorben, nun gehe es um eine Kaution zur Abwendung der Haft. "Bei einem Anruf mit Schockmoment wie diesem wird gezielt ein akuter Stresszustand ausgelöst. Neuropsychologisch bedeutet das: Das Gehirn priorisiert in Sekundenbruchteilen Schutz, Bindung und Verantwortungsübernahme. Die kognitive Distanzierung und kritische Prüfung treten kurzfristig in den Hintergrund. Manipulation funktioniert hier, indem Täter emotionale Nähe herstellen, anschließend Autorität inszenieren und schließlich massiven Zeitdruck erzeugen. Häufig halten sie die Angerufenen zudem gezielt in der Gesprächssituation oder bitten darum, niemanden einzubeziehen. Diese Kombination verengt die Entscheidungsfähigkeit. Betroffene handeln dabei nicht leichtfertig - sie handeln unter gezielt herbeigeführtem psychologischen Druck", erklärt Thorsten Garrels, Polizeioberkommissar und Psychologe im Dezernat Forschung, Prävention und Jugend im LKA Niedersachsen. "Gerade Eltern oder Großeltern reagieren instinktiv, wenn sie glauben, ein naher Angehöriger sei in Gefahr. Dieses Verantwortungsgefühl wird systematisch instrumentalisiert." Callcenterbetrug ist also kein spontanes Täuschungsdelikt, sondern ein professionell organisierter, psychologisch gesteuerter Manipulationsprozess. Die Taten werden in der Regel arbeitsteilig umgesetzt. Einzelne Täter übernehmen gezielt unterschiedliche Rollen: Gut instruierte, technisch oftmals sehr gut ausgestattete "Callcenter-Agents" treten häufig als vermeintlich betroffene Angehörige auf, emotional aufgelöst und glaubwürdig inszeniert. Teilweise übernimmt kurz darauf eine zweite Person das Gespräch - etwa als angeblicher Polizeibeamter, Staatsanwalt oder Arzt - und verleiht dem Szenario institutionelle Autorität und formale Legitimation. Weitere Personen stehen letztlich vor Ort als Abholer bereit, was noch einmal die Wahrhaftigkeit der dargestellten Situation unterstreicht. Die Anrufe erfolgen oftmals aus dem Ausland und sind organisatorisch eingebunden in strukturierte Tätergruppierungen. Technisch bedienen sie sich dabei zusätzlich technischer Mitteln wie dem sogenannten Call-ID-Spoofing. Auf dem Telefondisplay erscheint dadurch eine scheinbar authentische Nummer, beispielsweise "110", wodurch der Eindruck staatlicher Echtheit zusätzlich verstärkt wird. Auch kommunikativ gehen die Täter strategisch vor. Die Gesprächsführung ist rhetorisch geschult, klar strukturiert und zielgerichtet. Emotionale Ansprache, Autoritätsargumentation und der sukzessive Aufbau von Zeitdruck greifen ineinander. Ziel ist es, Vertrauen zu erzeugen, gleichzeitig aber soziale Isolation herzustellen und alternative Rückversicherungen zu verhindern. "Genau an diesem Punkt können Betroffene eingreifen", erklärt Garrels. "Wenn der Zeitdruck maximal wird und sofortige Entscheidungen eingefordert werden, ist das kein Zufall, sondern Teil des Drehbuchs. Dazu gehört es auch, die Angerufenen zu unterbrechen, damit sie ihren Gedanken nicht folgen können. Wer jetzt das Gespräch bewusst beendet, selbstständig unter bekannten Nummern zurückruft oder die 110 wählt, unterbricht den Manipulationsprozess. Mit dieser aktiven Entscheidung holen sich Betroffene die Kontrolle zurück - und entziehen der Inszenierung ihre Wirkung", sagt Garrels. Wirksamer Schutz beginnt deshalb mit klaren Handlungsregeln. Zugleich ist wichtig zu wissen: In einem akuten Stressmoment sind solche Regeln schwer abrufbar. Das Stresssystem priorisiert schnelles Handeln, nicht reflektierte Prüfung. Genau deshalb sollten Schutzstrategien vorab besprochen und eingeübt werden. Vorab getroffene Absprachen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Ernstfall auch umgesetzt werden können. Die Handlungsempfehlungen des LKA Niedersachsen im Überblick: - Legen Sie bei verdächtigen Anrufen sofort auf. - Die Polizei wird Sie niemals um Geld oder Wertsachen bitten. - Übergeben Sie niemals Bargeld oder Schmuck an unbekannte Personen - auch nicht an angebliche Polizeibeamte. - Wählen Sie im Zweifel selbstständig die 110. - Vereinbaren Sie innerhalb der Familie ein Codewort für Notfälle. - Sprechen Sie offen über diese Betrugsmaschen, insbesondere mit älteren Angehörigen. - Stellen Sie einen Reminder neben das Festnetztelefon, zum Beispiel https://www.polizei-beratung.de/medienangebot/detail/296- achtung-falsche-polizeibeamte/Callcenterbetrug bleibt angesichts der seit Jahren hohen Fallzahlen und Schadenssummen ein ernstzunehmendes Kriminalitätsphänomen. Ausführliche Informationen, Hintergründe und weitere Präventionshinweise finden Sie im Ratgeber Internetkriminalität des LKA unter: https://www.polizei-praevention.de/aktuelles/straftaten-zum-nachteil-aelterer-menschen-millionenschaden-durch-betrueger.html?hilite=Schockanrufe oder bei der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, Link https://www.polizei-beratung.de/aktuelles/detailansicht/schockanrufe-panikmache-am-telefon-legen-sie-sofort-auf/ Hinweis für Journalisten und Redaktionen: Ein Beispiel für das professionelle Vorgehen aus dem Jahr 2024 haben wir Ihnen zum Download zur Verfügung gestellt. Es kann im Kontext der Berichterstattung frei verwendet werden. Rückfragen bitte an: Landeskriminalamt Niedersachsen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Antje Westermann Telefon: 0511 / 9873-1030 E-Mail: pressestelle@lka.polizei.niedersachsen.de