„Wenn dann ein Kind auf die Straße läuft, haben Sie keine Chance …“ – Interview mit PHK Roland Deckenhoff zum Projekt „EDWARD“

Null Verkehrstote am 21. September: Polizeihauptkommissar Roland Deckenhoff, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Verkehrsunfallprävention/Opferschutz, spricht im Interview darüber, welche Ziele die Aktion EDWARD verfolgt und was jeder einzelne für mehr Sicherheit im Straßenverkehr tun kann.

Bochum/Herne/Witten (ots) - Ein Tag ohne Verkehrstote in Europa - das ist das Ziel der Aktion "EDWARD" (European Day Without A Road Death). Der Aktionstag am 21. September soll auf Unfalltote und Schwerverletzte aufmerksam machen. Auch das Polizeipräsidium Bochum beteiligt sich an der europaweiten Aktion. Polizeihauptkommissar Roland Deckenhoff, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Verkehrsunfallprävention/Opferschutz, spricht im Interview darüber, welche Ziele die Aktion verfolgt und was jeder einzelne für mehr Sicherheit im Straßenverkehr tun kann.

Herr Deckenhoff, ist es realistisch, die Verkehrstoten an einem Tag auf null zu reduzieren?

Persönlich halte ich es für eine Utopie, dass ein spezieller Tag dafür ausreicht - in Europa sterben im Schnitt 70 Menschen täglich im Straßenverkehr. Aber es ist ein erstrebenswertes Ziel! Solche Aktionen helfen, zu sensibilisieren und zu zeigen, dass jeder etwas dazu beitragen kann.

Zwei Verkehrstote gab es in diesem Jahr im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Bochum - eine hohe Zahl?

Zwei Tote sind zwei zu viel - erstrebenswert sind immer null! Vor allem, wenn Kinder involviert sind - zuletzt war dies im Jahr 2015 der Fall - ist auch eine tiefe Betroffenheit bei den Kolleginnen und Kollegen zu spüren. Man stellt sich die Frage: Hat man etwas falsch gemacht? Hat man nicht genug informiert? Gibt es evtl. Ideen für neue Projekte, die uns unserem Ziel näher bringen? Dennoch: Die Städte Bochum, Herne und Witten im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums zählen statistisch gesehen zu den sichersten Städten, was den Straßenverkehr angeht.

Was sind denn die Hauptunfallursachen?

Vor allem überhöhte Geschwindigkeit. Das ist vor allem in Kombination mit anderen Dingen problematisch. Wenn Sie zum Beispiel den Abstand nicht einhalten und gleichzeitig zu schnell sind, wird's gefährlich. Wenn dann ein Kind auf die Straße läuft, haben Sie keine Chance. Je langsamer Sie unterwegs sind, desto schneller können Sie reagieren. Das zeigt die Bremsweg-Berechnung. Ein Beispiel: Wenn man in einer Tempo-30-Zone fährt und 13 Meter vor dem Fahrzeug würde ein Kind auf die Straße treten, dann kann ich bei Tempo 30 noch anhalten und komme zum Stehen. Bei Tempo 50 brauche ich die 13 Meter nur um zu reagieren, das Kind wird also mit der vollen Geschwindigkeit getroffen. Das kann schwerste, wenn nicht sogar tödliche Verletzungen mit sich bringen.

Gibt es noch andere Ursachen?

Wir haben auch viele Unfälle, die im Bereich Abbiegen und Vorfahrtsverletzungen liegen. Was uns große Probleme bereitet und worauf viele Kampagnen ausgelegt sind, ist Ablenkung - vor allem durch das Handy.

Die Versuchung ist aber auch groß ...

Na klar. Das erklärt sich, wenn man sich unsere Gehirnstruktur anguckt: Da gibt es das Reptilien- und Stammhirn. Dies erforscht jede Situation und entscheidet mit einer Art Schalter, wozu ich tendiere. Was ist das jetzt? Ist das eine Gefahr für mich? Ist es lebenswichtig oder brauche ich es nicht? Wenn man also im Straßenverkehr unterwegs ist und das Handy klingelt, ist dies der Auslöser. Wir schalten um: auf Spaß, auf Information - und Straßenverkehr interessiert nicht mehr, das läuft schon. Studien zeigen aber, dass man weit über die Hälfte seiner kognitiven Fähigkeiten für den Straßenverkehr braucht.

Wie machen Sie das persönlich?

Wenn ich keine Freisprecheinrichtung habe, gehe ich nicht ran. Konsequent. Der Anrufer muss warten, ich rufe zurück, sobald ich sicher stehe. Aber selbst eine Freisprecheinrichtung lenkt mich ab.

Was können denn Verkehrsteilnehmer grundsätzlich für die Sicherheit tun?

Es gibt die Grundregeln der Straßenverkehrsordnung: Jeder muss sich so verhalten, dass er sich und keinen anderen gefährdet oder belästigt. Gegenseitige Rücksichtnahme ist das A und O. Das bedeutet, auch mal den anderen rein zu lassen und nicht immer auf sein Recht pochen. Oder in der Nähe einer Schule auch mit Kindern zu rechnen und langsamer zu fahren. Man sollte die eigenen Interessen in den Hintergrund stellen, umsichtig sein und sich natürlich an Verkehrszeichen halten. Die werden nicht ohne Grund dort aufgestellt. Außerdem sollte man nur ins Auto steigen, wenn man sich körperlich fit und ausgeruht fühlt. Genauso wie man für sich selbst verantwortlich ist, ist man auch für sein Fahrzeug verantwortlich. Dies sollte funktionstüchtig und witterungsangepasst sein.

Was tut der Fachbereich Verkehrsunfallprävention/Opferschutz für weniger Unfälle?

Wir kümmern uns besonders um die Schwachen im Straßenverkehr: die Kinder und die Senioren. Wir bieten verschiedene Aktionen für unterschiedliche Zielgruppen an. Beispiele dafür ist der Crash Kurs NRW für die weiterführenden Schulen oder auch die Verkehrserziehung, im Besonderen die Puppenbühne, für die Kindergarten- und Grundschulkinder. Wir betreuen über 100 Schulen im Gebiet und die Kindertagesstätten. Wir weisen auf die Gefahren im Straßenverkehr hin und versuchen, mit solchen Aktionen wie EDWARD auch die Autofahrer zu sensibilisieren.

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Polizei Bochum
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Jens Artschwager
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