„Mama, bitte hilf mir!“ – Wie Telefonbetrüger gezielt mit Angst arbeiten – Polizei warnt vor Betrugsmaschen und gibt Verhaltenstipps
Das Telefon klingelt. Eine unbekannte Nummer. Am anderen Ende hört man nur Weinen.
"Mama ... Mama ... bitte hilf mir ..."
Die Stimme klingt vage vertraut. Sie klingt vor allen eins: sehr verzweifelt. Kurz darauf übernimmt ein Mann das Gespräch. Ruhig, bestimmt und sachlich. Er stellt sich als Hauptkommissar Meyer von der Polizei Stade vor. Ihre Tochter habe einen schweren Verkehrsunfall verursacht, eine Person sei dabei tödlich verletzt worden. Um eine Untersuchungshaft zu vermeiden, müsse nun eine Kaution in Höhe von 30.000 Euro gezahlt werden.
Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Die Angst um das eigene Kind überrollt alles. Viele Betroffene erkennen erst später, dass sie Opfer eines Betrugsanrufs geworden sind.
Solche Anrufe geschehen tagtäglich in Deutschland. Es handelt sich um gezielte Betrugsmaschen. Es handelt sich hierbei um den falschen Polizeibeamten in Kombination mit einem Schockanruf. Neben "Polizisten" können sich auch vorgebliche "Staatsanwälte" oder "Richter" melden.
Insbesondere die Schockanrufe sind perfide, da sie einen emotionalen Ausnahmezustand bei den Geschädigten verursachen. Durch Zeitdruck und dramatische Schilderungen soll verhindert werden, dass Betroffene ruhig nachdenken oder andere Personen hinzuziehen. Häufig versuchen die Täter, ihre Opfer über längere Zeit am Telefon zu halten, um Kontrolle über die Situation zu behalten.
Im Folgenden werden die aktuell gängigsten Betrugsarten erläutert. Zum Schluss werden dazu Verhaltenstipps gegeben.
Die häufigsten Betrugsmaschen
Wie soeben schon geschrieben, wird beim Schockanruf eine schwere Notlage eines Angehörigen vorgetäuscht. Häufig geht es um angeblich verursachte Verkehrsunfälle mit schweren oder tödlichen Folgen. In anderen Fällen geben sich die Täter als Krankenhausmitarbeiter aus und behaupten, ein Familienangehöriger müsse dringend operiert werden. Nur durch eine sofortige Zahlung könne eine lebensrettende Behandlung erfolgen.
Lassen Sie sich nicht verunsichern. In Deutschland gibt es keine Kautionen, die bar übergeben werden müssen, und keine Polizisten, die Geld an der Haustür abholen. Sobald Geld oder Wertgegenstände verlangt werden, handelt es sich um Betrug.
Des Weiteren wird jeder Mensch, der mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein deutsches Krankenhaus eingeliefert selbstverständlich notversorgt.
Das sagt eigentlich auch schon der gesunde Menschenverstand. Aber die professionell agierenden Täter schaffen es häufig ein so überzeugendes Schreckensszenario aufzubauen, dass eben dieser Verstand nicht mehr so richtig funktionieren möchte.
Der Enkeltrick beginnt meist mit einem allgemeinen "Hallo Oma, ich bin's". Die Täter hoffen, dass das Opfer selbst Namen oder persönliche Informationen nennt "André, bist du das?" - "Ja genau, Oma. Hier ist der André". Diese Angaben werden im weiteren Gespräch gezielt genutzt. Anschließend wird ein Sachverhalt erfunden, um Geld zu erlangen. Dabei muss es sich nicht zwingend um eine Notlage handeln, sondern auch um angebliche Geldanlagen oder finanzielle Engpässe. Auch hier wird Druck aufgebaut. Der "Familienangehörige" braucht unbedingt Geld und bekommt Schwierigkeiten, wenn das Geld nicht zu Verfügung gestellt wird. Die Beträge sind unterschiedlich hoch und können sich auch anpassen, je nachdem wie viel das Opfer zur Verfügung stellen kann. Abgeholt wird das Geld dann in der Regel von einem "Bekannten".
Der falsche Polizeibeamte wurde oben schon anteilig beschrieben. Aber auch hier gibt es verschiedene Versionen. Die Täter kontaktieren Sie und geben sich als hiesige Polizeibeamte oder Staatsanwälte aus. Sie behaupten, es gebe Einbrüche in Ihrer Nachbarschaft oder Ermittlungen gegen kriminelle Banden. Die Durchsuchung und/oder Befragung der Täter habe nun Hinweise darauf gegeben, dass Ihr Haus auch ins Versier der Täter geraten sei. Da man nicht alle Täter habe festnehmen können, besteht nun Grund für die Annahme, dass die verbliebenen Täter in Ihr Haus einbrechen. Um das Vermögen angeblich zu sichern, sollen Bargeld, Schmuck oder andere Wertsachen übergeben werden.
Zunehmend tritt auch der falsche Mitarbeiter in Erscheinung. Die Täter geben sich als Mitarbeiter bekannter Unternehmen ausgeben, etwa von Banken, Onlinehändlern oder IT-Firmen. Eine inzwischen bekannte Masche ist der angebliche Microsoft-Mitarbeiter, der vor einem Virus auf dem Computer warnt. Ziel ist es, einen Fernzugriff auf PC oder Laptop zu erlangen. In der Folge können Schadsoftware installiert, Passwörter ausgespäht oder Überweisungen ausgelöst werden. Der falsche Bankmitarbeiter versucht in der Regel Druck auszuüben, indem er vorgibt, dass Ihr Geld auf dem Konto nicht mehr sicher sei. Es müsse nun schnell auf ein anderes Konto überwiesen werden, da sonst die Gefahr besteht, dass es weg ist.
Auch Gewinnversprechen sind weiterhin erfolgreich. Den Angerufenen wird ein hoher Gewinn in Aussicht gestellt, der erst nach Zahlung einer angeblichen Gebühr ausgezahlt werden soll. Ein solcher Gewinn existiert selbstverständlich nicht.
Bei Abofallen versuchen die Täter, kostenpflichtige Verträge oder Abonnements am Telefon zu verkaufen, häufig unter Zeitdruck und/oder ohne transparente Vertragsbedingungen. Nicht selten wird dabei so geschickt gehandelt, dass der Kunde denkt, er oder sie hätte ein Gratisprodukt erhalten.
Des Weiteren ist das sogenannte Smishing - Phishing Angriffe per SMS - inzwischen tagtägliches Geschäft von Betrügerbanden. Die Täter senden SMS-Nachrichten zu vermeintlichen Kontosperrungen, Zahlungsaufforderungen, Paket- oder Sicherheitsupdates und versuchen so, persönliche Daten, Kreditkartennummern oder Zwei-Faktor-Authentisierung Codes zu ergaunern. Auch hier ist häufig der Enkeltrick in der Version vertreten, bei welchem sich die vorgeblichen Kinder bei den Eltern melden "Hallo Mama, hallo Papa. Das ist meine neue Nummer. Melde dich bitte mal unter der neuen Nummer."
Ganz wichtig: Diese Aufzählung ist nicht abschließend.
Die Täter entwickeln ihre Maschen ständig weiter, erfinden neue und passen sie aktuellen Ereignissen an.
Während der Corona-Pandemie wurden beispielsweise telefonisch angebliche Impfstoffe angeboten.
Zuallerletzt ist es noch wichtig kurz auf Spoofing einzugehen. Beim ID-Spoofing manipulieren Betrüger die angezeigte Rufnummer eines Anrufs oder einer SMS. Die Nummer, die auf dem Display erscheint, ist dabei nicht die tatsächliche Nummer des Anrufers. Sie kann frei erfunden sein oder zu einer real existierenden Behörde, Bank oder Firma gehören. Dabei kann es auch passieren, dass auf dem Display beispielsweise "Sparkasse Stade" oder der Name eines bekannten Unternehmens angezeigt werden, obwohl der Anruf tatsächlich von Kriminellen ausgeht. Der Name wird dabei nicht von der Täterschaft hinterlegt, sondern ist im Datennetz mit der Nummer verbunden. Diese Manipulationen sind sowohl bei Telefonanrufen als auch bei Textnachrichten (SMS) möglich. Bei einer SMS ist es dazu für die Täterschaft möglich, einen Namen (Beispiel: Amazon, DHL, Paypal) zu vergeben. Ein bekannter Name oder eine vertraut wirkende Nummer ist daher kein verlässlicher Hinweis auf einen echten Anruf. Wenn Sie einen gespooften Anruf annehmen, sprechen sie mit der verschleierten Nummer, die Sie selber gar nicht kennen. Wenn Sie den Anruf verpassen und über Ihre Anrufliste zurückrufen, landen Sie bei der Nummer, die die Täter vorgetäuscht haben. Sprich: Es wird Ihnen vorgegaukelt, dass die Sparkasse Stade angerufen hat. Sie rufen über Ihre Anrufliste "verpasste Anrufe" zurück und sprechen dann mit dem Kundendienst der Sparkasse Stade. Wenn Ihnen also mitgeteilt wird, dass man Sie nicht angerufen hat, sollte Vorsicht geboten sein.
Wie verhalte ich mich bei betrügerischen Anrufen/SMS?
Grundsätzlich ist es bei unbekannten Rufnummern ratsam, nicht ans Telefon zu gehen. Seriöse Anrufer haben die Möglichkeit, eine Nachricht auf Ihrem Anrufbeantworter zu hinterlassen, sodass man in Ruhe entscheiden kann, ob ein Rückruf erforderlich ist. Wer dennoch einen Anruf entgegennimmt, muss sich nicht mit Namen melden. Ein einfaches "Hallo" reicht aus. Persönliche Informationen sollten grundsätzlich nie preisgegeben werden, weder zu den eigenen Daten noch zu Familienangehörigen, finanziellen Verhältnissen oder sonstigen persönlichen Umständen.
Häufig nutzen Täter auch die Zwei-Faktor-Authentifizierung aus. Sie erklären am Telefon, man werde gleich eine Nachricht mit einem Code erhalten oder solle eine Abfrage "kurz bestätigen". Dieser Code dient jedoch dazu, Zahlungen freizugeben oder Zugänge zu Konten und Diensten zu übernehmen. Wenn der Code an die Täter weitergegeben oder eine solche Abfrage bestätigt wird handeln die Betroffenen grob fahrlässig; das abgebuchte Geld ist in der Regel verloren und wird nicht erstattet. Geben Sie daher niemals Codes telefonisch oder per Nachricht weiter und bestätigen Sie keine Zahlungen - auch dann nicht, wenn diese als angebliche "Testüberweisungen" dargestellt werden.
Lassen Sie sich generell niemals unter Druck setzen. Ihr Geld liegt auf Ihrem Konto sicher, solange sie nicht selber anfangen es zu verschieben. Bemerkt die Bank tatsächlich verdächtige Kontobewegungen, wird Ihr Konto gesperrt. Sie werden niemals aufgefordert selber tätig zu werden.
Sobald Zweifel an der Seriosität eines Anrufers bestehen, sollte das Gespräch umgehend beendet werden. Ein Auflegen ist jederzeit möglich und richtig. Die Polizei wird Sie niemals zu Ihren finanziellen Verhältnissen und/oder Wertgegenstände befragen. Eine vorgebliche "Kaution" gibt es in Fällen von fahrlässigen Verkehrsunfällen nicht, ganz unabhängig davon, wie schwer diese sind.
Verdächtige Telefonnummern sollten notiert und der Polizei gemeldet werden.
Zusätzlichen Schutz bietet ein innerhalb der Familie vereinbartes Codewort. Wird bei angeblichen Notfällen oder bei Anrufen von unbekannten oder neuen Nummern dieses Codewort korrekt genannt, wissen Sie, dass der Anruf echt ist. Wichtig ist, dass es sich um ein recht spezielles Wort handelt, was die Betrüger nicht aus Versehen verwenden können (Beispiel: Honigkuchenpferd) und es ausschließlich die Familienangehörigen kennen.
Erhalten Sie etwaige Smishing Nachrichten, die von Banken, Paketdiensten oder anderen bekannten Unternehmen stammen, sollten Sie keinesfalls auf enthaltene Links klicken und keine persönlichen Daten eingeben, insbesondere keine Zugangsdaten oder Zahlungsinformationen. In solchen Fällen handelt es sich in der Regel immer um Betrug. Antworten Sie auf diese Nachrichten nicht, sondern sperren Sie die Nummer. Auch scheinbar humorvolle Antworten sollten unterbleiben, da Betrüger dadurch erkennen, dass hinter der Nummer eine reale Person steht. Solche Telefonnummern werden häufig weiterverwendet oder weiterverkauft, was weitere Betrugsversuche nach sich ziehen kann. Wenn die Täter die Absender Nummer gespooft haben, kann es auch sein, dass sie beim regulären Anschlussinhaber landen, der nichts mit dem Betrug zu tun hat.
Bei weiteren allgemeinen Fragen zum Thema Betrug, erreichen sie die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle der Polizeiinspektion Stade unter der Rufnummer 04141 - 102-109.
Marlin Heintsch
Beauftrage für Kriminalprävention
Weitere Informationen auch unter: https://www.polizei-beratung.de/
Rückfragen bitte an:
Polizeiinspektion Stade
Pressestelle
Rainer Bohmbach
Telefon: 04141/102-104
E-Mail: rainer.bohmbach@polizei.niedersachsen.de