Jugenddelinquenz in Niedersachsen erneut rückläufig – differenzierter Blick auf Gewalt und Schutz junger Menschen bleibt notwendig

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2025 zeigt für Niedersachsen einen erneuten Rückgang der Delinquenz junger Menschen. Dabei sank die Anzahl junger Tatverdächtiger unter 21 Jahren auf 45.173, die Anzahl aufgeklärter Fälle mit jungen Tatverdächtigen auf 56.643. Besonders deutlich gingen Diebstahlsdelikte zurück. Gleichzeitig bleiben Rohheits- und Raubdelikte, tatverdächtige Kinder, Messerangriffe und die Opferwerdung von Kindern und Jugendlichen zentrale Beobachtungsfelder, das zeigt die Auswertung des Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. LKA-Präsident Thorsten Massinger und Kriminalhauptkommissar Tilman Wesely, Dezernat Forschung, Prävention, Jugend, haben heute, 30.06.2026, die Erkenntnisse zur Entwicklung der Delinquenz junger Menschen in Niedersachsen für das Berichtsjahr 2025 vorgestellt. "Der Rückgang der Fall- und Tatverdächtigenzahlen ist erfreulich, aber kein Grund zur Entwarnung. Hinter den Zahlen stehen weiterhin junge Menschen, die früh mit Gewalt in Berührung kommen - als Tatverdächtige ebenso wie als Opfer. Gerade bei Rohheitsdelikten, tatverdächtigen Kindern und dem Schutz junger Opfer müssen wir früh, klar und abgestimmt handeln", sagt Thorsten Massinger, LKA-Präsident. Im Jahr 2025 wurden in Niedersachsen insgesamt 506.634 Straftaten polizeilich bekannt. Das entspricht einem Rückgang von 4,28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Anzahl der aufgeklärten Fälle sank auf 317.739 Fälle. Zu 56.643 aufgeklärten Fällen wurden junge Tatverdächtige (Alter unter 21 Jahre) ermittelt; das sind 9,71 Prozent weniger als 2024. Die Anzahl der jungen Tatverdächtigen insgesamt ging von 47.325 auf 45.173 zurück. Dies entspricht einem Rückgang von 4,55 Prozent. 33.728 waren männliche und 11.445 waren weibliche Tatverdächtige. Besonders deutlich ist der Rückgang bei den Diebstahlsdelikten. Die Anzahl der jungen Tatverdächtigen in diesem Deliktsbereich sank auf 11.738 und damit um 12,55 Prozent. Beim Ladendiebstahl wurden 7.557 junge Tatverdächtige registriert, ein Rückgang um 13,28 Prozent. Bei den Rohheitsdelikten (wie bspw. Körperverletzung oder Raub) fällt der Rückgang dagegen weniger stark aus. Die Anzahl der jungen Tatverdächtigen sank hier von 15.780 auf 15.243 und damit um 3,40 Prozent. Die Anzahl der jungen Tatverdächtigen zu Körperverletzungsdelikten ging um 2,50 Prozent zurück. Die Anzahl tatverdächtiger Kinder verbleibt in diesem Bereich jedoch auf einem hohen Niveau. Bei Raubdelikten bleibt die Entwicklung nahezu unverändert: 2025 wurden 1.329 junge Tatverdächtige registriert, 2024 waren es 1.332. Ein besonderes Augenmerk liegt weiterhin auf Messerangriffen. Insgesamt wurden 2025 2.570 Tatverdächtige zu Messerangriffen erfasst, ein Anstieg um 3,55 Prozent. Bei jungen Tatverdächtigen ist die Anzahl hingegen von 718 auf 645 gesunken. Innerhalb dieser Gruppe zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild: Bei Kindern stieg die Anzahl leicht von 121 auf 130, während sie bei Jugendlichen und Heranwachsenden zurückging. "Die Zahlen für 2025 zeigen grundsätzlich in die richtige Richtung. Gleichzeitig müssen tatverdächtige Kinder, Rohheitsdelikte und Gewalt im Schul- und Sozialraum weiterhin besonders aufmerksam beobachtet werden. Gerade bei Kindern und Jugendlichen braucht es angemessene Reaktionen auf Fehlverhalten und gemeinsame Anstrengungen in der Prävention. Einzelne Unterrichtseinheiten zur Prävention können ein Baustein sein, ersetzen aber keine konzeptionell angelegte, dauerhafte Zusammenarbeit von Schulen, Jugendhilfe, Justiz, Kommunen und Polizei", sagt Kriminalhauptkommissar Tilman Wesely, Dezernat Forschung, Prävention, Jugend. Auch im Schulkontext ist ein Rückgang festzustellen: Die Anzahl der polizeilich bekannt gewordenen Straftaten sank von 5.350 auf 4.975 und liegt damit unter dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Zugleich folgt die Anzahl tatverdächtiger Kinder im Schulkontext dem allgemeinen Trend und bleibt insbesondere bei Rohheitsdelikten auf hohem Niveau. Als mögliche Erklärungsansätze kommen soziale und entwicklungspsychologische Faktoren in Betracht: Konfliktfähigkeit, Emotionsregulation, Frustrationstoleranz und der Umgang mit unterschiedlichen Meinungen müssen im Kindesalter erst erlernt werden. Wo hierbei Defizite entstehen, können sie sich insbesondere in sozialen Räumen zeigen, in denen Kinder regelmäßig aufeinandertreffen. Auch veränderte Sozialisationsbedingungen durch digitale Medien und soziale Netzwerke werden fachlich als mögliche Einflussfaktoren diskutiert. Aus polizeilichen Daten allein lassen sich hierzu jedoch keine belastbaren Schlussfolgerungen ableiten. Die Opferwerdung von Kindern und Jugendlichen bleibt ein zentrales Thema. Die Zahl minderjähriger Opfer von Straftaten sank 2025 leicht von 24.797 auf 24.419 und damit um 1,52 Prozent. Sie verbleibt jedoch auf hohem Niveau. Bei Kindern stieg die Anzahl der Opferwerdungen weiter an. Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 4.054 minderjährige Opfer registriert, ein Anstieg um 4,70 Prozent. Die Entwicklung ist vor dem Hintergrund der Aussagekraft der PKS einzuordnen. Die PKS bildet das polizeilich bekannte Hellfeld ab. Sie ist unter anderem abhängig vom Anzeigeverhalten, von polizeilicher Kontrollintensität, Änderungen im Strafrecht und Änderungen statistischer Erfassung. Sie ist daher kein vollständiges Abbild der Kriminalitätswirklichkeit. Die PKS lässt keine monokausalen Erklärungen zu. Der Jahresbericht nennt mehrere mögliche Einflussfaktoren: auslaufende Nachholeffekte nach der Coronapandemie, verändertes Anzeigeverhalten, eine höhere gesellschaftliche Sensibilität gegenüber Gewalt, Verschiebungen vom Dunkelfeld ins Hellfeld sowie soziale, psychologische und ökonomische Faktoren. Weil die Ursachen von Jugenddelinquenz vielschichtig sind und Risiko- sowie Schutzfaktoren häufig im sozialen Umfeld, in Familie und Schule liegen, unterstreicht der Bericht die Bedeutung ressort- und institutionsübergreifender Zusammenarbeit. "Wir sind ein wichtiger Teil des Netzwerks, Polizei allein kann Jugenddelinquenz allerdings nicht lösen. Wir müssen uns genau ansehen, wo es noch Hemmnisse zwischen Behörden und Institutionen gibt. Nur so können wir problematische Entwicklungen bei jungen Menschen erkennen, bevor aus einzelnen Straftaten kriminelle Karrieren werden", sagt LKA-Präsident Thorsten Massinger. Die Polizei Niedersachsen setzt deshalb weiterhin auf eine enge Verzahnung von repressivem Handeln, Prävention, Forschung und auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das LKA Niedersachsen hat im Rahmen ihrer Expertengruppe das Format "Onlineabend" entwickelt, welches erstmals am 29. September 2026 stattfinden soll. Ziel ist es, Erziehungsberechtigte sowie padägogische Fachkräfte niedrigschwellig zu erreichen, sie über verschiedene Risiken im digitalen Raum zu informieren und ihnen konkrete Hinweise zu geben. In der ersten Veranstaltung steht der Themenkomplex Cybermobbing im Fokus. Die registrierungsfreie Online-Veranstaltung ist über folgendem Link erreichbar: www.onlineabend.cyberpolizei.de Den Jahresbericht Junge Menschen für das Jahr 2025 finden Sie auf der Website des LKA Niedersachsen: www.lka.niedersachsen.de Zur Definition: Kinder unter 14 Jahren Jugendliche 14 - 17 Jahre Heranwachsende 18 - 20 Jahre Rückfragen bitte an: Landeskriminalamt Niedersachsen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Philipp Hasse Telefon: 0511 / 9873-1030 E-Mail: pressestelle@lka.polizei.niedersachsen.de